GLASMUSEUM FRAUENAU

1975 wurde das Glasmuseum Frauenau gegründet, als ein kleines, kommunales Spezialmuseum, das die jahrhundertealte Glasmachertradition des Grenzortes im Bayerischen Wald ebenso reflektieren sollte wie die Rolle Frauenaus als Treffpunkt von internationalen Glaskünstlern und Kunstpublikum.
2005 nun präsentiert sich das Glasmuseum – sozusagen antizyklisch zu den Abstiegstendenzen der regionalen Handglasindustrie – neu konzipiert in einem ambitionierten Neubau. Die Dauerausstellung selbst ist auf 1300 m² Ausstellungsfläche in einem architektonisch bewegten Rundbau untergebracht, dessen „Dreh- und Angelpunkt“ in einem künstlerisch aus Glas inszenierten Glasofen zu finden ist – so wie die Glasschmelze und die Arbeit am Glasofen das „Herz“ jeder Glashütte bildet.
Diese Verklammerung von Innen und Außen, Architektur und Ausstellungsinhalt ist Programm. Das neue Museum sieht sein Anliegen nicht nur in der Präsentation seiner Sammlung von Gläsern aus zwei Jahrtausenden, aus den Glasregionen des Bayerischen Waldes, Europas und der Welt. Darüber hinaus entstand hier unter aktivem Einbezug von Glasbetrieben, Glashüttenarbeitern sowie von über 20 regionalen und internationalen Künstlern ein ‚szenografisches’ Museum mit Modellcharakter.

Die Reise des Glases

Das Museumskonzept von Dr. Katharina Eisch-Angus und Dr. Jörg Haller nutzte dafür die vielfäl-tigen Potentiale der Glasregion Bayerischer Wald ebenso wie die besonderen Materialeigen-schaften und kulturellen Funktionen des Glases. Kein Material ist so wandelbar: Glas lebt und spielt mit Licht, Farbe und Transparenz. Es kann fließend geblasen werden, aber auch brillant geschliffen, verspiegelt oder bildhaft dekoriert werden. Aus Glas werden Trink- und Ziergefäße gefertigt, zugleich ist es ein zentrales architektonisches Medium. Aufgrund seiner ästhetischen Qualitäten, aber auch der aufwändigen Bearbeitung waren Glasprodukte von je her wertvoll. Entsprechend wurde das Glas in der Geschichte zu einem symbolischen Träger des Repräsentationswillens aufstrebender Schichten. Wo immer sich die europäische Zivilisation innovativ weiterentwickelte, fand sie auch neue Ausdrucksmöglichkeiten in Glas; Glashändler ebenso wie migrierende Glasarbeiter und –technologen sorgten für den Austausch von technologischem und kulturellem Wissen. Dem entsprechend wurde die erste Abteilung der Dauerausstellung im äußeren Umgang des Museumsrundbaus als Zeitreise durch exemplarische Schauplätze und Innovationszentren der europäischen Kulturgeschichte angelegt. Ausgehend von der antiken Glaserzeugung in den frühen Hochkulturen des Mittelmeerraums begegnet man den strahlenden Glasmalereien in den gotischen Kathedralen des Mittelalters, wie sie sich z. b. im Regensburger Dom als Ausdruck einer gesamteuropäischen Kulturbewegung präsentieren, oder den filigranen Objekten á la Façon de Venise, die venezianische Glasmacher der Renaissance über Europa verbreiteten und die in der Handelsstadt Nürnberg in Konkurrenz zum böhmischen „Waldglas“ traten. Das Barock kreist um die Festkulisse des Versailler Spiegelsaals und anderer Fürstenhöfe, beliefert von nordböhmischen Glasveredlern. Im 19. Jahrhundert geht es um die Repräsentationsbedürfnisse des aufstrebenden Bürgertums, das sich in der ersten Weltausstellung im Londoner Kristallpalast selbst bespiegelte. Es bereitete den Weg für die Kaufhauskultur der Moderne, an der sich die Designbewegungen des 20. Jahrhunderts abarbeiteten und die heute mit der Globalisierung die Handglashütten überrollt. Diese von Ausstellungsgestalter Stefan Haslbeck entworfenen Symbolkulissen und viele Inszenierungsdetails sind ganz oder teilweise aus Glas gebaut – von den Spitzbögen mittelalterlicher Kathedralen, den Arkadengängen der Renaissance über die Lustgärten des Barock bis hin zu den modernen Tempeln des Massenkonsums. Jede Epoche besitzt zudem eine künstlerisch gestaltete Fensterfront, die die Zeitthematik noch einmal reflektiert und überhöht. Hier werden die technischen und ästhetischen Qualitäten des Werkstoffs Glas für den Ausstellungsbau nutzbar gemacht, die Thematik gleichzeitig illustriert und verfremdet, die Trennung von künstlerischem Exponat, Bau und Ausstellungsarchitektur wird gebrochen und aufgehoben. Der beständige Querverweis auf die ländlichen Produktionszentren Böhmens und des Bayerischen Waldes führt immer wieder zurück auf eine grenzüberschreitende Kultur, die von den Glasleuten in der Mitte Europas mit begründet wurde.

Weitere Angebote im Glasmuseum Frauenau

Zwei weitere, hell verglaste Ausstellungsbereiche im Obergeschoß sind der Studiensammlung aus Depotbeständen des Museumsgewidmet, sowie der „Sammlung Schäfer“ mit Schnupftabakgläsern. Die Tradition der Schnupftabakgläser wird gerade im Bayerischen Wald mit großer Vitalität gepflegt; es handelt sich hier um ein Genre, das wie im Brennglas die technischen und kreativen Möglichkeiten der Glasgestaltung bündelt. Über die Dauerausstellung hinaus bietet das Glasmuseum Frauenau auch einen großzügigen Raum für Wechselausstellungen, eine gut sortierte Glasbibliothek sowie die notwendige Ausstat-tung für ein großes glashistorisches Archiv, das in Zukunft durch die Überlassung u.a. des Glasarchivs Alfons Hannes sowie durch Nachlässe erweitert werden wird. Eine museumspädagogische Werkstatt vor allem für Kinder rundet das Angebot des Glasmuseums ab. Darüber hinaus präsentiert sich im Haus auch der Nationalpark Bayerischer Wald mit einem Informationspunkt sowie einer kleineren Dauerausstellung zur „Waldweide“ sowie zum Thema „Wald und Tourismus“. Als dritte Institution ist zudem die Tourist-Information im Haus untergebracht, was für die Werbung und Betreuung des Museums wichtige Synergieeffekte bringen soll. Alle drei Institutionen teilen die im Gebäude geschaffenen Räume für Tagungen, Veranstaltungen und Begegnungen, mit denen das Museum zusätzlich für verschiedene Zielgruppen attraktiv werden soll.

Arbeit und Leben mit Glas

Vieles davon ist Grenzgebiet um Frauenau noch lebendig. Die zweite Abteilung „Leben und Arbeiten mit Glas“ in der Mitte des Rundbaus rotiert wie die kulturgeschichtliche „Reise“ um die Inszenierung eines Schmelzofens, der teils aus Originalmaterial, teils aus Glas gebaut ist. Hier wird nun der Glasofen in die Darstellung der arbeitsteiligen Produktionsabläufe einer traditionellen Mundglashütte sowie der Sozialkultur einer Glashüttensiedlung mit einbezogen. Dabei vermeidet die Ausstellung konsequent jede puppenstubenartige Rekonstruktion einer imaginierten Vergangenheit, indem sie Gedächtnis, Erfahrung und Erinnerung der Betroffenen so ins Museum bringt, wie sie sich im Alltag zeigen: in einer Collage aus Werkzeugen und Objekten aus dem Betriebs- und Lebenszusammenhang, Halbprodukten (als ‚Museumsglas’ auch im Museumsladen zu erwerben!), Fotos und Dokumenten aus lokalen Fotoalben sowie – zum Lesen und Hören – Zitaten aus lebensgeschichtlichen Interviews mit Zeitzeugen aus allen Arbeitsbereichen einer Glashütte. Die Betroffenen kommen selbst zu Wort, so dass auf wissenschaftliche Leittexte in diesem Bereich verzichtet werden konnte. Die Objekte und Dokumente stammen aus dem ganzen Erinnerungszeitraum vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart und machen so den sozialen und kulturellen Wandel in der Glasindustrie deutlich. Es ist dies ein Versuch, den Anspruch, All-tagsgeschichte und Oral History im Museum zu vermitteln, konsequent aufzunehmen und umzu-setzen. Beide Abteilungen führen über Themen wie Globalisierung, Automatisierung oder Arbeitslosigkeit auf die Gegenwart zu, auf das - aus Glasofenbruchstücken drastisch inszenierte -Glashüttensterben im Bayerischen Wald, aber auch auf die offene Frage nach der Zukunft des Glasgewerbes. In kurzen Filmclips geben Betroffene aus aktueller Sicht ihre Statements dazu ab.

Internationales Studioglas

Einen künstlerischen „Ausweg“ bietet das Museum in der dritten Abteilung zum „Glas der Moderne“, konzipiert von Museumsleiterin Karin Rühl. In einer verglasten „Schale“ des Rundbaus wird auf zwei Etagen die große Sammlung von Werken internationaler Glaskünstler präsentiert sowie die Geschichte der internationalen Studioglasbewegung dokumentiert. Die internationale Studioglasbewegung die in den 1960er Jahren in den USA ihren Ausgang nahm, hat durch die Aktivitäten des international renommierten Glaskünstlers Erwin Eisch einen europäischen Bezugspunkt in Frauenau. Das Werk Erwin Eischs nimmt deshalb auch zentralen Raum in der Ausstellung ein.

Quelle: http://www.kunst-und-kultur.de/Museumsdatenbank/show/show.php/1446/